Der Tübinger Stocherkahn

Wer einmal an einem schönen Sommertag in Tübingen am Neckar entlang spaziert ist, kommt nicht umhin die friedlich auf dem Fluss dahintreibenden Boote zu bemerken: Stocherkähne.

Mit einer bis zu acht Meter langen Stange stößt der Stocherer sich vom Grund des Neckars ab und treibt so den Kahn an.

Der Stocherkahn und das Stocherkahnfahren gehören zu Tübingen wie die Universität und das Schloss, die Stiftskirche oder auch die zahlreichen kleinen und großen Hügel, die das Stadtbild prägen. Ursprünglich als Arbeitsgerät oder zum Warentransport in Gebrauch, wurde der Stocherkahn wahrscheinlich spätestens durch die Studentenverbindungen am Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Freizeitgefährt umfunktioniert und erfreut sich seitdem großer Beliebtheit. Heute ist der Stocherkahn nicht nur liebevoll gepflegte studentische Tradition, sondern auch eine touristische Attraktion.

Der Tübinger Stocherkahn ist eine spezielle Variante eines Flachboots. Er ist durchschnittlich zwischen sechs und elf Meter lang, hat ein Gewicht von 400 kg und ist aus Hartholz, zum Beispiel Eiche, hergestellt.

Seinen Namen hat der Kahn von der Fortbewegungsart – dem Stochern. Das funktioniert mit einer sogenannten Stocherstange, meist eine abgehobelte Fichtenstange von bis zu 8 Meter Länge. Am Ende der Stange ist ein Schuh aus Metall angebracht: Eine Tülle mit einer Spitze, die über das Holz geschoben wird. Der Stocherer steht am Heck des Kahns, sticht mit der Spitze der Stange in den Grund des Neckars und stößt sich ab. Dann wird die Stange mit einer raschen Bewegung wieder aus dem Wasser gezogen und das Prozedere beginnt von vorn. Was sich in der Theorie leicht anhört, erfordert in der Praxis einige Übung. Unkenntnis oder Unfähigkeit eines Stocherers sorgen nicht nur beim Stocherkahnrennen für Belustigung: Nicht selten landen Stocherkähne in der Uferböschung des Neckars und müssen erst wieder in die Flussmitte zurückmanövriert werden.

Tübinger Stocherkahn-Idyll: Im Sommer ist eine Fahrt auf dem Neckar eine beliebte Touristenattraktion.

Der Stocherkahn: Schwimmende Geselligkeit

Das Beste am Stocherkahn ist jedoch sein Geselligkeitspotential. Mit Sitzbrettern und Rückenlehnen ausgestattet, können auf dem Kahn bis zu 26 Fahrgäste Platz nehmen, die sich gegenübersitzen und sich austauschen können.

Während einer arbeitet, nämlich der Stocherer, lehnt sich der Rest entspannt zurück und genießt (ein wenig Gleichgewichtssinn vorausgesetzt). Der ideale Feierabendspaß – unnötig zu erwähnen, dass auch Grill und Bierkasten auf einem Kahn locker Platz finden und er so die schwimmende Spaßplattform schlechthin bietet.